Julia Zange – Realitätsgewitter [Rezension]


Aufbau Verlag


Titel: Realitätsgewitter

Autor: Julia Zange

Genre: Roman

Erschienen: 14.11.2016

Verlag: Aufbau Verlag

Seiten: 157

erhältlich als: Hardcover, eBook

Reihe: nein

Erhältlich hier: Klick *

„Marlas Leben ist ein einziges Realitätsgewitter. Wenig Sex, viel iPhone. Viel Bewegung, wenig Sicherheit. Sehr globalisiert, aber immer noch ganz schön deutsch. Marla funktioniert perfekt. Sie hat immer die richtige Maske auf. Doch plötzlich bekommt ihr hochglänzender Panzer kleine Brüche. Plötzlich ist da eine schwere Traurigkeit, die langsam von ihrem Bauch nach oben spült. Um nicht zu ertrinken, macht sie sich auf den Weg zurück in ihr Heimatdorf. Und landet schließlich auf Sylt. Eine Reise ins Erwachsenwerden und zu sich selbst. “ [Quelle: klick]

Das Cover ist fast vollständig schwarz, zeigt eine Katze sowie Titel und Autor. Der Blick der Katze wirkt wie eine Mischung aus ängstlich, traurig, verwirrt, scheu aber auch herausfordernd. Damit ist das Cover ein perfekter Spiegel der Protagonistin Marla. Besser hätte man es meiner Meinung nach kaum gestalten können.

Der einzige Mensch, den ich heute Abend sehen möchte, ist Ben. Das Problem ist nur, dass er mich nie sehen will.

Marla ist eine junge Frau, mit der sich sicherlich sehr viele junge Frauen gut identifizieren können. Sie steckt voller Widersprüche, gefangen zwischen Ängsten und Hoffnung, zwischen Liebe und Hass. Sie gibt sich wie eine junge Erwachsene, stetig auf der Suche nach menschlicher Nähe, die sie meist nur durch Sex erhält. Dabei sieht ihr Innenleben zumeist ganz anders aus und lässt sie eher wirken wie ein Kind.

Marla lässt sich mehr oder weniger durch ihr Leben treiben und so kommt sie in ihrem Heimatdorf an, wo sie nach langer Zeit mal wieder auf ihre Familie trifft. Dieses Treffen weckt unschöne Gefühle in ihr und ist der letzte Tropfen, der ihr emotionales Fass zum überlaufen bringt. Erschöpft und ausgebrannt fährt sie nach Sylt um zu sich selbst zu finden.

Der Titel „Realitätsgewitter“ passt einfach SO gut zu diesem Buch!

Marlas Innenleben gleicht einem Gewitter sehr – es stürmt und blitzt und donnert in ihr, dass sie oft nicht weiß, wo ihr der Kopf steht.

Die Dinge, die sie tut, und die Menschen, mit denen sie sich umgibt, sind selbstzerstörerisch und das scheint Marla auch zu wissen. Trotzdem hängt sie an jedem menschlichen Kontakt, den sie bekommen kann und entwickelt Gefühle für einen Kerl, der sie behandelt wie den letzten Dreck.

Ihre Freunde sind keine wahren Freunde sondern allerhöchstens Party-Bekannte und Affären und auch familiär erfährt die junge Frau überhaupt keinen Halt. Im Gegenteil stellt sich auch ihre Mutter extrem gegen sie als Marla diese zu Hause besucht. Einzig und allein ihre Mitbewohnerin scheint etwas für Marla übrig zu haben, was wirklich traurig ist.

Traurig ist ein Wort, was Marlas Leben sehr gut umfasst.
Beim Lesen hab ich wirklich mit ihr gelitten und ich hätte sie so gerne geschüttelt oder wahlweise auch an die Hand genommen und ihr einen Weg aus ihrer Dunkelheit gezeigt.

Andererseits hab ich mich auch wahnsinnig gut in sie hineinversetzen können.

Diese destruktive Art, die sie an den Tag legt, kenne ich und glücklicherweise hab ich sie schon einige Zeit lang überwunden. Aber es schmerzte doch so manches Mal, „Realitätsgewitter“ zu lesen. Ich hatte während des Lesens aber auch gleichzeitig die Hoffnung, dass Marla schon irgendwann aus diesem Dschungel an Gefühlen ausbrechen wird, wenn sie nur ihre aktuelle Situation durchhält.

Dass ich mir eine bessere Zukunft für eine Protagonistin wünsche und ihr gerne helfen würde, kommt nicht so häufig bei mir vor. Das ist ein Punkt, der mich sehr berührt und gefesselt hat.

Julia Zange hat mit „Realitätsgewitter“ wirklich ein grandioses Buch geschrieben, das mich mitten ins Herz traf.

Zu Beginn des Buchs dachte ich noch es sei nur eine belanglose Aneinanderreihung von Szenen und Beschreibungen, die nicht wirklich einfallsreich und zumeist unnötig kritisch sind. Doch je weiter ich las desto mehr hab ich verstanden, dass das extrem gut Marlas Unzugehörigkeitsgefühl auszudrücken vermag. Sie hat eine unbestimmte Leere in sich, die sie durch nichts und niemand füllen kann und die sich nur noch mehr vergrößert, je mehr Gefühle sie zulässt.

Oft fragte ich mich auch, wie viel von der Geschichte autobiographisch sein mag.
Empfehlen kann ich dieses Buch für Leser von Lilly Lindner.

Auch das Ende hat mich sehr berührt, generell hab ich das ein oder andere Mal ein Tränchen verdrückt.

Ich bin begeistert von diesem viel zu kurzen Buch und ich hoffe, Julia Zange braucht nicht wieder fast 10 Jahre, um ein neues Buch zu veröffentlichen.

Ich vergebe für diesen kurzen aber intensiven Sturm 5 von 5 Sternen.


Julia Zange, geboren 1983, lebt und arbeitet seit 2006 in Berlin. 2005 gewann sie den Literaturwettbewerb Open-Mike, 2008 veröffentlichte sie ihren ersten Roman mit dem Titel Die Anstalt der besseren Mädchen. Sie ist Teil der Web-Serie Translantics. Sie arbeitet als Redakteurin bei L’Officiel und schreibt regelmäßig für Zeit Online und Fräulein. In Philip Grönings Film Mein Bruder Robert, der 2017 Kino-Premiere feiert, hat sie als Hauptdarstellerin debütiert. Außerdem organisiert sie regelmäßig die Veranstaltungsreihe Dead Poets Society im Soho House Berlin.

Hier geht es zur Leseprobe!

Ich bedanke mich ganz herzlich bei Netgalley für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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