Daniel Glattauer – Ewig Dein [Rezension]

Titel: Ewig Dein
Autor: Daniel Glattauer
Genre: Roman
Erschienen: 06.02.2012
Verlag: Deuticke Verlag
Seiten: 208
erhältlich als: Hardcover, Taschenbuch, eBook, Hörbuch

„Im Supermarkt lernt Judith, Mitte dreißig und Single, Hannes kennen.
Kurz darauf taucht er in dem edlen kleinen Lampengeschäft auf, das
Judith, unterstützt von ihrem Lehrmädchen Bianca, führt. Hannes,
Architekt, ledig und in den besten Jahren, ist nicht nur der Traum aller
Schwiegermütter – auch Judiths Freunde sind restlos begeistert. Am
Anfang empfindet Judith die Liebe, die er ihr entgegenbringt, als
Genuss. Doch schon bald fühlt sie sich durch seine intensive Zuwendung
erdrückt und eingesperrt. All ihre Versuche, ihn wieder aus ihrem Leben
zu kriegen, scheitern – er verfolgt sie sogar bis in ihre Träume …“ [Quelle:klick

Das Cover zeigt eine blaue Tür mit einem Schlüssel im Schlüsselloch, was bei mir trotz der fröhlichen Farbe Beklemmung auslöst. Das ist aber ja auch nicht verwunderlich bei dem Thema. Ich finde das Cover sehr passend gewählt, da es zum Inhalt passt.
 
Judith ist ein glücklicher Single Mitte 30, ihre letzte Beziehung liegt 6 Monate zurück und sie ist auf gar keinen Fall auf der Suche nach einem neuen Mann. Sie hat mit dem Thema Beziehung wie es scheint schon abgeschlossen, ist aber keineswegs verbittert darüber sondern lebt ihr Leben wie es ihr beliebt. Als sie in einem Supermarkt von Hannes angerempelt wird ahnt sie noch nicht, dass sich durch dieses Ereignis ihr ganzes Leben verändern wird.
Hannes begegnet ihr von nun an absichtlich in verschiedenen Situationen. Zunächst ist Judith überhaupt nicht an ihm interessiert, ganz im Gegenteil: Schon wenige Augenblicke nach dem Zusammenstoß im Supermarkt hat sie ihn auch schon wieder vergessen und erkennt ihn an der Kasse nur an den vielen Bananen, die er einkauft, wieder. Hannes hingegen verliebt sich sofort unsterblich in Judith und kann sie nicht mehr vergessen.
Sie wollte keine falschen Hoffnungen in ihm wecken. Hoffnungen schon, aber keine falschen. Welche die richtigen waren, würde die Zukunft der Gegenwart früh genug einflüstern. – Seite 25 
Als Judith immer mehr von ihm umschwärmt wird beginnt sie seine Zuneigung, die man schon als Vergötterung bezeichnen kann, zu genießen. Endlich steht sie wieder im Mittelpunkt und es deutet auch alles darauf hin, dass Hannes sie nicht nach kurzer Zeit wieder vorhat zu verlassen. Völlig benebelt von seiner Liebe lässt Judith sich auf eine Beziehung mit Hannes ein, was von ihrem kompletten Umfeld positiv aufgenommen wird. Alle sind begeistert von ihm und schließen ihn sofort in ihr Herz.
Doch ziemlich schnell wird Judith alles zu viel, sie fühlt sich von seiner Liebe erdrückt und ist ein Schatten ihrer Selbst. Sie beschließt die Beziehung zu beenden – doch Hannes akzeptiert es nicht. Er nennt sie weiter „Liebling“ und tut so, als bräuchte sie nur etwas Zeit um wieder zu ihrer Liebe zurückzufinden. Als er merkt, dass sie aber wirklich das Beziehungsende möchte, nimmt seine Liebe krankhafte Züge an. Er verfolgt sie, schickt ihr Blumen, lässt sogar Blumen in ihr Bett legen, taucht immer wieder auf und lässt Judith absolut nicht in Ruhe. Und auch als Judith in eine psychatrische Klinik gebracht wird weil sie sich nur noch verfolgt wird, nimmt Hannes‘ Stalking kein Ende – doch niemand glaubt Judith.
 
Judith ist eine ganz normale Single-Frau, die ihr Leben so lebt wie sie möchte und gut zurecht kommt. Die absolute Durchschnittsfrau doch das ist sie nicht für Hannes. Für Hannes ist sie der Jackpot, sein neuer Lebensinhalt und das gilt es für ihn um jeden Preis zu beweisen. Was anfänglich als vielversprechende Beziehung beginnt, verwandelt sich recht schnell zu einer erdrückenden Enge für Judith. Sie fühlt sich eingeengt von Hannes und das konnte ich als Leser sehr gut nachvollziehen. 
Wie wird man seinen Schatten los? Indem man ihn hinters Licht führt. – Seite 105
Hannes vergöttert Judith aber er lässt ihr auch keine Luft zum Atmen. Von Beginn an merkt man auch, dass sie nicht wirklich verliebt in ihn ist. Sie genießt seine Zuneigung und fühlt sich begehrt doch darüber hinaus entwickelt sie keine tiefer gehenden Gefühle zu ihm. Da betrachtet man als Leser Hannes überschwängliche Liebesbekundungen skeptisch und kann ihn auch nicht so recht ernst nehmen. Als er jedoch nach der Trennung nicht einsieht, dass Judith nichts mehr mit ihm zu tun haben möchte, nimmt das ganze recht skurriele Ausmaße an. 
Mehr als ein mal hab ich mich während des Lesens für Hannes geschämt und habe mit Judith gehofft, dass er nicht immer weiter geht in seiner Verfolgungsjagd. 
Stalking ist ein schwieriges Thema. Ein schmaler Grat zwischen wahrer Liebe und reiner Besessenheit – erschreckend wie leicht man in diesen Teufelskreis geraten kann. Daniel Glattauer wählt die richtigen Worte um dem Leser Gänsehaut zu bescheren und ihm gleichzeitig die Haare zu Berge stehen zu lassen. 
Seine
Situation war wohl noch beschissener als ihre. Für sie war er bloß ein
schmerzlicher „Fehlversuch“, der personifizierte Beweis, dass heiß
geliebt zu werden nicht ausreichte, um Gegenliebe zu erzeugen. Peinlich,
dass sie mit ihrer Lebenserfahrung in so eine simple Falle getappt war.
– Seite 81
Die unterschwellige Angst von Judith ist allgegenwärtig und gut spürbar, „Ewig Dein“ ist aber keineswegs schwere Kost. Mit viel Wortwitz und Fingerspitzengefühl fliegt man nur so durch die Seiten und wundert sich über die ein oder andere unerwartete Wendung. Als Judith schließlich sogar in einer Klinik landet spitzt sich die Geschichte dramatisch zu und das Ende hat mich wirklich überraschen können. Ich habe mit einem anderen Ausgang der Story gerechnet, möchte euch aber natürlich nichts vorweg nehmen. 
„Hallo,
wie geht es Ihnen?“, fragte die Ärztin. „Danke, ich bin geisteskrank“,
erwiederte Judith. […] „Sie lassen sich ja ordentlich gehen!“, Judith:
„Ich weiß, aber ich kann nichts dagegen tun. Am besten, Sie weisen mich
wieder in die Anstalt ein.“ – Seite 178
Besonders gut hat mir dieses Buch gefallen, weil es sich selbst nicht so ernst nimmt obwohl es ein heikles Thema behandelt. „Ewig Dein“ ist sehr leicht zu lesen, oft sehr lustig, manchmal schockierend und besonders die jugendliche Auszubildende in Judiths Laden hat so einige Male bei mir für Lacher gesorgt.
„Das
ist so ein Haus, […] wo keiner den anderen kennt, typisch wienerisch
halt. Da riecht es dann irgendwann nach einer Leiche, und plötzlich weiß
man erst, dass da wer gewohnt hat. Und dann liest man in der Zeitung,
dass der, der gestorben ist, eher unauffällig war. Na sicher, sonst wäre
er ja jemandem aufgefallen“ – Seite 186
Doch Stalking ist kein witziges Thema und man sollte es unbedingt ernst nehmen.
Besonders Frauen haben oft mit Stalkern zu kämpfen und längst nicht alle sind so tough wie Judith. Zum Glück ist auch nicht jeder Stalker so besessen und gibt in den glücklicheren Fällen früher auf als Hannes. Leider hatte ich selbst schon mit diesem Thema zu tun und war beim Lesen einfach nur froh, dass es bei mir niemals diese Ausmaße angenommen hat. Ich muss auch kurz an dieser Stelle an alle meine Leser appellieren: Falls sich jemand von euch so verfolgt fühlt wie Judith dann holt euch Hilfe. Lasst nicht jemand anderes euer Leben bestimmen!! Aber nun genug der ernsten Worte.
Ich vergebe 5 von 5 Sternen!
Daniel Glattauer, geboren 1960 in Wien, studierte Pädagogik
(Diplomarbeit “Das Böse in der Erziehung”). Zunächst Hobby-Literat,
-Liedermacher und Kellner, später Journalist, zuerst Redakteur bei der
Presse, dann zwanzig Jahre Autor bei der österreichischen Tageszeitung
„Der Standard“. Zwischendurch und jetzt erst recht: Schriftsteller.
Verheiratet, ein großes Kind, leider keinen Hund mehr, dafür fünf
indische Laufenten im Landhaus im niederösterreichischen Waldviertel.

Bücher (u.a.): „Die Ameisenzählung“ (2001), „Darum“ (2003), „Die Vögel
brüllen“ (2004), „Der Weihnachtshund“ (Neuausgabe 2004) und „Schauma
ma“l (2009). Mit seinen beiden Romanen „Gut gegen Nordwind“ (2006) und
„Alle sieben Wellen“ (2009) gelangen ihm zwei Bestseller, die in
zahlreiche Sprachen übersetzt und auch als Hörspiel, Theaterstück und
Hörbuch zum Erfolg wurden. „Mama, jetzt nicht!“ (2011) ist ein Band mit
Kollumnen aus dem Alltag, die über viele Jahre im „Standard“ erschienen
sind.

Hier geht es zur Leseprobe

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